Rezension: Yalla Habibi – Living with War in Aleppo

© Hosam Katan
© Hosam Katan

Die folgende Rezension habe ich für das Fotografiemagazin kwerfeldein.de geschrieben und erschien am 8. Februar 2018.

Einleitung

Als ich 2010 Aleppo besuchte, verband ich mit Syrien – das politische System mal außer Acht gelassen – vor allem leckeres Essen, seine jahrtausendalte Kultur und die grenzenlose Gastfreundschaft. Wenn heute von Syrien gesprochen wird, dann oft nur noch in Verbindung mit Krieg, Flucht, Terror. 

 

Mit "Yalla Habibi – Living with war in Aleppo" schließt der syrische Fotojournalist Hosam Katan beinahe autobiographisch eine Lücke in der täglichen Berichterstattung und ermöglicht uns einen erschreckend nüchternen Blick auf das Leben in einer geteilten Stadt, aus einer Zeit vier Jahre nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs.

© Kehrer Verlag
© Kehrer Verlag

Formale Gesichtspunkte

Schon das Äußere des DIN-A4-großen Buches lässt erahnen, was uns im Inneren erwartet. Das in Schwarz auf orangefarbenem Grund und in Form von Rasterpunkten gedruckte Cover gibt einen vagen Blick auf eine zerstörte Gebäudelandschaft frei, vor der eine Silhouette von zwei Menschen miteinander zu gestikulieren scheint. (Später im Buch stellt sich heraus, dass es sich um Hosam selbst handelt, der ein Selfie mit einem Freund macht.) Der über dem Cover liegende und in weiß gehaltene Titel lässt sich nur schwer erahnen. Alles auf dieser Außenseite schreit leise und es stellt sich sofort ein schrilles, bedrückendes Gefühl ein.

 

Der innere Aufbau des Buches ist relativ locker strukturiert. Zwar gibt es kein Inhaltsverzeichnis, aber nach der Widmung des Buches an die in Afghanistan getötete Fotojournalistin Anja Niedringhaus und einem einleitenden Vorwort mit zugehörigen Fotos werden wir über kapitelähnliche Abschnitte durch das Buch geleitet. Jeder Abschnitt wird von einem beschreibenden Text begleitet. Der eigentliche Kern des Buches, die Fotos, wird auf drei unterschiedliche Weisen präsentiert: 1) Übersichtsbilder, meist randlos und oft auf einer Doppelseite, 2) Fotos mit Rand sowie 3) querformatige Portraits um 90° gedreht, sodass das Buch erst einmal angefasst und bewegt werden muss. Die Haptik überzeugt durch Sperrigkeit, da besonders die querformatigen Portraits entsprechenden Raum beanspruchen.

 

Die Typographie des Begleittextes greift das bedrückende Grundthema wieder auf: Schmerzhaft werden zentrale Grundlagen eines ausgewogenen Satzspiegels verletzt, sodass zwischen Seitenrand und Text kaum Platz vorhanden ist und ein angenehmes Lesen erschwert wird. Ständig verliert sich das Auge am "Abgrund" des Buches.

 

Die formalen Gesichtspunkte werden hier doppelt eingesetzt, um "Living with war in Aleppo" zu verdeutlichen: Grausamkeit auf der einen, lose Alltäglichkeit und Struktur auf der anderen Seite.

© Hosam Katan
© Hosam Katan

Die Bildgestaltung

Dieses Spannungsfeld taucht auch auf der visuellen Ebene auf. Die Bilder sind fotografisch oft unspannende, häufig durch eine mittige Bildgestaltung gekennzeichnete Pressefotos. Weder begegnet uns Vielschichtigkeit noch künstlerische Rafinesse. Das führt zu einer beschreibenden Wirkung, obwohl das Thema selbst eine Erzählung erwarten lassen könnte.

 

Im harten Kontrast dazu stehen die Motive: Sei es die dominante Staubwolke einer vermeintlichen Explosion im fernen Hintergrund mittem am Tag, bunte Luftballons, die von ebenso bunt gekleideten Schulkindern inmitten von grauen, ausgebombten Hausruinen steigen gelassen werden, ein erst beim genauen Hinsehen zerfetzter Mann auf einer Parkbank oder die Reste einer intakten Küche, die vom zweiten Stock einer Hausruine hängt. Sie alle sind durch die physische Nähe des Fotografen gekennzeichnet. Die gezeigten Motive bleiben allerdings meistens nackt und beschreibend und drücken durch diese gestalterische Mittigkeit eine geradezu schmerzhafte Sachlichkeit und Distanziertheit aus.

 

Getragen wird die Erzählung des Buches hingegen durch die oft persönlich gehaltenen Begleittexte, die das Eintauchen in den Kontext zulassen und die Bilder mit Leben, Trauer und Tod füllen. Das unnahbare fotografische Material wird durch die tagebuchartigen Texte an die Betrachtung herangeführt und eine Neubewertung des Gesehenen wird möglich. Die Bilder zeigen den Alltag, die Texte erzählen uns ihre Einbettung.

 

Wir lernen beispielsweise die tragische Geschichte der Familie Qahat kennen, die bei einem Luftangriff ihre 17-jährige Tochter Asma'a verliert und anschließend bei Verwandten unterkommen muss oder wie die Menschen von Aleppo notdürftig aber kreativ mit dem Ausfall der grundlegenden Versorgung von Strom und Wasser umgehen müssen.

© Hosam Katan
© Hosam Katan

Schluss

Als reines Fotobuch hätte "Yalla Habibi" keine Freudenspünge ausgelöst. Dazu erhebt es aber auch keinen Anspruch. Vielmehr liest es sich als längeres, dokumentarisches Essay. Die meist sachlichen Fotos funktionieren fast durchweg in Verbindung mit dem Begleittext und ziehen ihre Stärke eher aus dem Motivischen, beispielsweise indem sie bizarre Inseln einer vermeintlichen (oder besser: vergangenen) heilen Welt inmitten purer Zerstörung zeigen. Fotografisch daher zwar vergleichsweise unspannend, beansprucht das Buch dennoch zurecht seinen Platz als wichtiges Dokument über das Leben im Kriegsland Syrien.

 

Bewusst legt das Buch den Finger in die Wunde der Betrachtung, wenn das Thema schon vor dem Aufklappen eingeleitet wird: Die sperrige Haptik, irritierende Typographie und die ständige Notwendigkeit, das Buch anzufassen und zu drehen, verstärken die Schwere des Themas.

 

Für mich persönlich ist nach Lesen des Buches zumindest eines wieder ins Bewusstsein gerückt: Das Syrien von 2010 existiert nicht mehr.

© Hosam Katan
© Hosam Katan

Hosam Katan (geb. 1994) verließ Syrien Ende 2015 und floh über die Türkei nach Deutschland, wo er zurzeit an der renommierten Hochschule Hannover Fotojournalismus studiert. Mit seinen fotojournalistischen Arbeiten gewann er bereits mehrere Preise.

 

Yalla Habibi – Living with War in Aleppo ist in englischer Sprache beim Kehrer Verlag erschienen und kann für 39,90 € direkt beim Verlag bestellt werden. Das in diesem Beitrag verwendete Bildmaterial stammt von Hosam Katan und wurde freundlicherweise vom Kehrer Verlag zur Verfügung gestellt.

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