Iran: Reise in ein aufstrebendes Land

Zu Beginn möchte ich etwas gestehen: In den Iran wollte ich schon sehr viel länger reisen. Bereits vor acht Jahren hatten meine beste Freundin und ich den Entschluss gefasst, dieses spannende Land zu sehen. Damals besuchte sie mich während des Studiums in İstanbul. Als Archäologin hatte sie natürlich ein berufliches Interesse an den kulturellen Sehenswürdigkeiten wie Persepolis und Pasagadae und mich als Politologen faszinierten die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse und die Sprache. Erstaunlicherweise schafften wir es dann acht Jahre lang nicht, zwei Wochen zu finden, in denen wir beide die Zeit und das nötige Geld hatten und in denen Wetter von 50°C im Schatten uns nicht den Garaus gemacht hätte – bis wir für Oktober 2017 endlich Nägel mit Köpfen machten.

 

Nachdem die notwendigen Planungen abgeschlossen waren (umfangreiche Recherche zu Kleidungsvorschriften und sozialen Verhaltensregeln, Beantragung des Visums, Buchung der Hostels und Lernen des Wechselkurses), waren wir in unserer Vorfreude nicht mehr zu bremsen. Ein kleiner Hinweis vorab: Die gängigen Reiseführer haben wir oft nur zur ersten Orientierung benutzen können. Preisangaben stimmten wegen der starken Inflation ohnehin nicht mehr und auch sonst bekommt man vor Ort immer die besten Tipps. Und noch ein kleiner Hinweis: Auch, wenn sich Reiseplanungen immer ändern können, lohnt es sich sehr, vor der Reise Zimmer zu reservieren, die man dann im Zweifel  rechtzeitig wieder storniert. Der Tourismus in den Iran ist in den letzten fünf Jahren so sehr durch die Decke gegangen, dass wir unsere Reservierungen oft sogar am Tag vorher bestätigen mussten und wegen der hohen Nachfrage froh über unsere Vorplanungen waren. Die einschlägigen Reiseportale im Internet haben sich eigentlich immer als recht zuverlässig erwiesen. Kleine Sidenote: Bargeld sollte immer aus dem Ausland mitgebracht und vor Ort getauscht werden. Nicht nur haben die Wechselstuben einen fantastischen Wechselkurs, durch die Sanktionen sind viele Banken noch immer nicht an das internationale System angeschlossen und international Kreditkarten und EC-Karten funktionieren an den Geldautomaten noch nicht.

 

Der Iran ist ein ambivalentes Land. Einerseits gibt es die sehr strikt-konservativen gesellschaftlichen Vorschriften, denen sich alle Menschen zu fügen haben. Als sichtbarstes Element fallen mir direkt die "Verhüllungspflicht" für Frauen und die Geschlechtertrennung in öffentlichen Transportmitteln ein. Andererseits suchen sich vor allem die jüngeren iranischen Menschen ihre legitimen Nischen und Lücken im konservativen System, mit denen sie diese Vorschriften so weit wie möglich umgehen. Viele junge Frauen tragen das Kopftuch beispielsweise so lässig auf dem hinteren Zopf, dass es "nur noch" ein schönes Kleidungsstück ist.

 

Fotografieren ist im Iran trotz der oft herausfordernden Lichtverhältnisse übrigens weniger ein Problem, als zunächst angenommen. Viele Menschen wollten sogar fotografiert werden und baten mich regelrecht um ein Foto von sich – leider immer in recht langweiligen Umgebungen. Lediglich bei Regierungsgebäuden musste ich gut aufpassen, aber das ist in anderen Ländern auch so. 

 

Bedingt durch seine Größe fasziniert Iran mit seiner beeindruckenden Landschaft. Auf dieser Reise konnten wir leider nur die Route Teheran–Kashan–Isfahan–Yazd–Shiraz–Teheran nehmen, das heißt die Südwestschleife in einer durch Wüste und ausgetrocknete Flussbetten geprägte Region. Für die nächste Reise (und die kommt bestimmt) habe ich mir aber den klimatisch anderen Norden am Kaspischen Meer vorgenommen, der sehr grün und fruchtbar sein soll. Und dann gibt es noch das bergige Kerman und die Insel Kish im Persischen Golf, die von allen, die wir auf unserer Reise trafen, als entspannter Sehnsuchtsort beschrieben wurde. 

 

Die Reise durch die Wüstenregion machten wir uns natürlich zunutze. Im Dorf Fahraj, etwas außerhalb von Yazd, nahmen wir das Angebot einer Desert Tour mit anschließendem Abendessen unterm Sternenhimmel an. Es war ein umwerfendes Gefühl, mit dem Jeep über die Dünen zu heizen und manchmal sogar fast senkrecht abwärts zu fahren, ganz wie bei den Blind Summits in Schottland – bloß gefühlt sicherer (ohne Gegenverkehr). Bei dieser Gelegenheit tobte ich mich auch endlich mal in der Fotografie von Sternenhimmeln aus.

 

Eine Erfahrung für sich sind auch die Bazaare, auf denen immer (außer in den ausgedehnten Mittagspausen) geschäftiges Treiben herrschte. Im Gegensatz zu anderen Ländern des Nahen Ostens schienen sie zu den Haupteinkaufsmöglichkeiten in iranischen Stadtsystemen zu gehören. Von Gegenständen des alltäglichen Lebens über Kitsch- und Schmuckgeschäfte bis hin zu Teestuben, Suppenküchen und Moscheen haben wir in den Bazaaren so ziemlich alle Elemente gefunden, um den Aufenthalt in den als teils riesige Labyrinthe angelegten Einkaufskomplexen möglichst angenehm zu gestalten.

 

Wir planten unsere Reise selbstverständlich so, dass wir mit Ausnahme des Inlandflugs möglichst alle Fortbewegungsmittel nutzen konnte. Für die Rückreise ins sehr versmogte Teheran, in dem wir nochmal 3 Tage verbringen wollten, wählten wir den Nachtzug. Die überall präsente Geschlechtertrennung gilt auf Überlandwegen anscheinend nur bedingt. In Bussen dürfen Frauen und Männer nebeneinander sitzen und auch im Nachtzug gilt die strikte Trennung wohl nicht. Unser Abteil teilten wir mit einem sehr netten, frisch verlobten iranischen Toxikologenpaar aus Teheran, das für eine Präsentation in Shiraz war. Eigentlich wollten wir uns im Vorbeifahren die Landschaft angucken, unterhielten uns aber im Endeffekt mehr mit unseren Mitreisenden und lernten dabei Farsi – ein großer Gewinn! Abgesehen von einer heizenden Klimaanlage waren die Betten im Nachtzug übrigens klein, aber überraschend bequem.

 

Iran ist ein dynamisches, spannendes Land. Wir hatten zwei sehr ereignisreiche Wochen und konnten die Oberfläche eines Landes ertasten, das ich definitiv wieder sehen möchte.